Anderen zu helfen, so gut es geht, das liegt einer Frau mittleren Alters aus München in den Genen. Sie möchte anonym bleiben, da sie bei ihrem Versuch, zu helfen, selbst schwer verletzt wurde und immer noch traumatisiert ist. Der Vorfall ereignete sich im afrikanischen Begegnungszentrum mit Bürgerhaus, Jugendzentrum und Beratungsstelle. Bereits seit über zwanzig Jahren leistet die Ehrenamtliche dort Integrationsarbeit, organisiert die Vergabe der Räumlichkeiten. Da sie selbst aus Kamerun stammt, ist es für sie auch eine Berufung, den afrikanischen Familien bei der Integration in Deutschland behilflich zu sein. „Ich habe auf eine Familie gewartet und war im Zentrum in meinem Büro“, erinnert sich die Münchnerin. Es war der 8. Dezember 2023 und draußen war es bereits dunkel. Am nächsten Tag sollte die Weihnachtsfeier abgehalten werden. Sie selbst hatte zuvor noch Dekorationsartikel eingekauft. „Ich war vielleicht zehn Minuten im Büro als ich ein lautes Klopfen an der Eingangstür hörte und nachschaute.“ Einige Jugendliche hämmern gegen die Glastüren. Doch sie schüttelt den Kopf, gibt ihnen zu verstehen, dass hier heute nicht geöffnet ist und sie auch nicht öffnen wird.

Dann geht sie zurück ins Büro. Kurze Zeit später wieder ein Klopfen, dieses Mal viel lauter und Tumult und Schreie vor der Tür. Sie eilt nach vorne, sieht eine Gruppe Jugendlicher um einen jungen Mann, der am Boden liegt. Von allen Seiten wird er attackiert, es wird auf ihn eingetreten. Dann geht alles sehr schnell: Sie realisiert, der Mensch braucht Hilfe, sonst ist er verloren. Sofort handelt die Frau, klopft von innen gegen die Glasscheibe und schreit: „Hört auf!“ Gleichzeitig versucht sie die Glastüre von innen zu öffnen, es gelingt ihr trotz Gegendruck die Tür einen Spalt aufzuziehen und zu schreien: „Hört auf ich rufe die Polizei!“ Doch dann passiert es. Einer der Täter sticht ihr mit einer Schere ins Gesicht.

Das Werkzeug durchbohrt den rechten Nasenflügel, es brechen zwei Zähne aus dem Kiefer und überall ist plötzlich Blut. „Ich wusste nicht, woher das viele Blut kommt, habe einfach nur die Tür wieder geschlossen und mit dem Handy den Notruf gewählt.“ In Panik und im Schock realisiert sie erst Minuten später, das Blut stammt von ihr selbst. Dann ruft sie ihren Ehemann zu Hilfe. Als die Polizei vor Ort ist werden Opfer und Täter mitgenommen. Der Verletzte überlebt, weil die Helferin schnell gehandelt hat. „Ich wollte nur dem Menschen am Boden helfen!“ Allein das mutige und schnelle Eingreifen konnte das Leben des Opfers retten. Doch aufgrund der zivilcouragierten Tat, wurde auch sie selbst zum Opfer. Noch immer quälen sie Alpträume. Eine Therapie soll helfen, die Ängste zu überwinden.

Wenigstens eine Sorge ist die starke Helferin nun los: Mit Hilfe von Spenden und der Unterstützung der Dominik-Brunner-Stiftung konnten die ausgeschlagenen Zähne ersetzt werden. Nun muss nur noch die innere Wunde heilen. Wir wünschen bei der weiteren Genesung viel Kraft, haben Hochachtung vor dem selbstlosen Eingreifen, das ein Leben retten konnte, und danken für dieses Vorbild für Zivilcourage.